Es war im Juli, es war in der U-Bahn in Hamburg, in der ich gerade Platz genommen hatte. Da sprang ein junger Mann kurz vor der Abfahrt ins Abteil. Die meisten Fahrgäste saßen auf ihren Plätzen, ins Handy vertieft. Einige schauten zum Fenster hinaus. Da begann er mit lauter Stimme: „Mein Name ist N., ich bin 20 Jahre alt und lebe auf der Straße. Ich würde mich freuen, wenn ihr mir helfen könntet: etwas Geld oder etwas zu essen oder trinken, was ihr übrighabt! Danke.“ – Er schaute in die Runde. Und jetzt geschah, was mich eigentlich erstaunte: es kam Bewegung in das Abteil.Bildschirmfoto_2022-09-25_um_00.08.34.png

Menschen legten für einen Moment ihr Handy beiseite. Der eine, die andere kramte in der Tasche oder in der Geldbörse. Hier gab es eine Münze, die Dame mir gegenüber reichte eine Banane, eine andere etwas in Papier Eingewickeltes, vielleicht ein belegtes Brötchen. Der Beschenkte bedankte sich sehr freundlich. An der nächsten Station stieg er aus. Die meisten waren bald wieder mit ihrem Handy beschäftigt. Aber ein junger Mann hatte es geschaft für einen Moment etwas Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und Herzen zu bewegen! Es ist keine leichte Zeit momentan. Die ständigen Meldungen über den aktuellen Füllstand der Gasspeicher, über die Höhe der Inflation, über die nächsten Umlagen, die geplant sind, machen Angst. Die bevorstehenden Nachzahlungsbescheide über den Nebenkostenverbrauch bereiten selbst denen, die sich bisher nicht viel finanzielle Gedanken machen mussten, schlaflose Nächte. Und dann sehen wir im Fernsehen Menschen in der Ukraine, vor den Trümmern ihrer Existenz, an den Gräbern ihrer Lieben: was sie gerade mitmachen, übersteigt oft genug unser Vorstellungsvermögen. – Der Monatsspruch für den Septem- ber ist ein Vers aus Jesus Sirach – einem Weisheitslehrer, dessen Verse nicht in jeder Bibelausgabe zu finden sind. Da heißt es Kapitel 1,10: „Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.“ Gott lieben – gar nicht so leicht in Zeiten wie diesen. Wir finden keine Antwort auf all die Fragen, die wir haben: Nach Gott, aber auch nach uns Menschen: was ein Mensch einem Menschen alles antun kann! Aber es gibt keine Alternative zur Liebe: trotz allem einem Gott vertrauen, der die Liebe ist, der mitleidet mit den Menschen, der ganz andere Vorstellungen vom Miteinander auf dieser Erde hat, als was wir oft so leben. Es gilt Liebe zu wagen: mit dem weniger Gewordenen, was uns an materiellen Dingen bleibt. Aber deshalb muss unser Herz nicht leerer werden. Vielleicht können wir wieder mehr zusammenrücken. Einander das Herz ausschütten. Die Not anderer sehen und einfach etwas dagegen tun. Vielleicht können wir als Kirchengemeinde und als Christenmenschen noch mehr bewirken: gegen die Not bei uns und weiter weg und gegen die Hoffnungslosigkeit. Und zwischendurch dürfen wir die Sorgen einfach abgeben: „Gott, es muss weitergehen, sorge du für mich!“ Gott lieben – und unseren Mitmenschen wie uns selbst: das ist die allerschönste Weisheit. In diesem U-Bahn-Abteil hat sie für einen Moment viele Menschen ergriffen. Und etwas Himmel leuchtet mitten im trüben Alltag auf.

Bleibt behütet! Euer Pastor Gerald Rohrmann