„Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den Rock des Gekreuzigten nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll.“ (Johannes 19,23). Würfelnde Soldaten. Nur eine kleine Szene inmitten des Kreuzigungs-Szenarios. Aber ich bleibe an dem Bild hängen. Da sterben Menschen am Kreuz einen qualvollen Tod. Und zu ihren Füßen sitzen Soldaten auf dem Boden und werfen Würfel. Sind ganz ins Spiel vertieft. Für sie geht es nicht um viel: die wenigen Habseligkeiten, die die drei zum Tode Verurteilten zurücklassen am Kreuzesstamm. Immerhin. Bei Jesus ist es ein langes Gewand, aus einem einzigen Stück Stoff gewebt. Das war etwas Besonderes. Sie werfen das Los, würfeln vielleicht mit diesen kleinen, aus Knochen hergestellten Würfeln, die es zur Römerzeit gab. Sehen sie das Elend über sich? Den Todeskampf der drei Verurteilten? Das Leiden von Jesus, der doch niemandem etwas Böses getan hatte? Haben sie nicht so viel Anstand mit ihrem Spiel zu warten, bis die drei gestorben sind? Und nicht ihren Besitz schon zu verlosen, so lange sie noch am Leben sind? Aber was gehen sie diese Fremden an! Ihr Leben geht weiter. Was man haben kann, sollte man mitnehmen. So hoch ist der Soldatensold nicht. Eine kleine Aufbesserung der eigenen Lebensverhältnisse sollte man nicht abschlagen. Sind das ihre Gedanken? Und ich so? Da tickern die Bilder aus der Ukraine über den Fernseher. Unglaubliches Leiden der Menschen. Massaker, an Unschuldigen verübt. Ich schaue hin. Aber manchmal stehe ich auch auf. Gehe ans Telefon. Gehe meinen Alltagsgeschäften nach. Freue mich an meinem Abendessen. Rede mit meinen Kindern. Plane die Osterfeiertage. Mein Leben geht einfach weiter – wo dort Leben stehenbleibt, vor Trümmern steht, zerstört wird. Ich sorge mich über – ja, oft genug: Nebensächlichkeiten. Debattiere über steigende Preise. Sorge mich vor der Nebenkostenabrechnung in einigen Monaten. Während zeitgleich Menschen sterben. Ihre Liebsten verlieren. Ihren ganzen Besitz in Flammen aufgehen oder in Trümmern verschüttet sehen. Gleiche ich da nicht auch iesen Soldaten unterm Kreuz, über die ich eben noch den Kopf geschüttelt habe: wie kann man nur? Die Würfel sind gefallen. Einer der Soldaten nimmt sich das Gewand von Jesus und macht sich davon. Am Kreuz wird noch immer gestorben. Der Würfel hier fällt erst später. Und der Groschen auch. Dass tot nicht tot heißt. Dass nie wieder jemand so einsam, so verzweifelt sterben muss. Dass eine Hoffnung geboren wird, die nicht mehr aus der Welt fortzudenken ist. Dass der Tod endgültig ausgespielt und das Leben gewonnen hat: das alles kann jetzt noch niemand ahnen. Aber am Ostermorgen bricht sich die neue Erkenntnis Bahn. Der Soldat gewinnt ein neues Gewand. Wir alle gewinnen noch mehr: ein neues Leben! Und müssen dazu nicht erst gewinnen im Würfelspiel.

Bleibt behütet!

 

Foto: In der Grabeskirche zu Jerusalem