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Er hatte sich das nicht ausgesucht. Selber fühlte er sich gerade auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, da suchte ihn diese Krankheit heim. Aus heiterem Himmel kam sie, wobei, jetzt, wo er in Ruhe darüber nachdenkt, wird ihm bewusst, dass es Anzeichen gab, die er nur nicht hatte wahrhaben wollen. Und jetzt: ist er ausgebremst. Er bräuchte doch alle Zeit und seine ganze Kraft um all das umzusetzen, was er sich vorgenommen hatte. Stattdessen raten die Ärzte ihm dazu: Langsam zu machen. Dinge sein zu lassen. Sich zu schonen. Und einer zitierte ihm sogar ein Jesuswort: „Hat Jesus nicht gesagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Das „wie dich selbst“ hat Jesus mit gutem Grund angefügt. Es ist manchmal viel schwieriger als alles andere. Für dich ist es jetzt dran!“ Tja, lauter gute Ratschläge. Missmutig kickt er dennoch einen Stein vor sich weg. Diese Krankheit passt so gar nicht in seine Lebensplanung hinein. Er ahnt, er wird sie nicht mehr los. Er wird lernen müssen sich mit ihr zu arrangieren. Noch erscheint es ihm kaum möglich. Er hadert und merkt im selben Moment, wie ungerecht er ist: Immerhin lebt er noch. Vielleicht waren diese Erschöpfungsanzeichen ein Warnschuss gerade noch zur rechten Zeit. Andere bekommen nicht diese Chance noch einmal neu anzufangen, langsamer zu machen und bewusster zu leben… Und dann hat er die Stimme wieder im Ohr. Die Stimme in jener Nacht, als die Krankheit noch so frisch war und er so verzweifelt und Gott all seinen Frust entgegenschleuderte: „Gott, warum ich, warum jetzt, wieso hilfst du mir nicht, warum diese Krankheit?“ – Das, was Menschen eben denken, wenn sie mit Leid und Schmerz und Krankheit konfrontiert werden. Als eine große Stille eintrat in jener Nacht, hörte er auf einmal ganz klar eine Stimme, die sagte: „Paulus! Lass dir an meiner Gnade genügen. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ (2. Korintherbrief 12,9). – Heute ist er sich sicher: das in der Nacht war Gottes Stimme. Gottes Botschaft an ihn, Paulus, der noch so viel vorhat und auf einmal mit gesundheitlichen Einschränkungen kämpft. Paulus versteht: Gott hat ihn nicht im Stich gelassen. Das allerwichtigste, was wir zum Leben brauchen, hat er uns längst geschenkt: seine Liebe, Güte und Vergebung. Und außerdem hat Gott mit Paulus noch immer viel vor. Auch diese Krankheit, diese wiederkehrenden Anfälle, die Paulus momentan ganz schön ausbremsen, werden Gott nicht hindern, mit Paulus weiter seine Pläne zu schmieden und ihn einzusetzen um durch ihn Gottes Liebe und die Botschaft von Jesus in die Welt zu tragen. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Ja, manchmal wirkt Gott noch viel stärker durch Menschen, die selber viel durchhaben, die wissen, wie zerbrechlich das Leben ist, und die gerade darum anderen Trost zusprechen und Hoffnung geben können. - In den letzten Wochen sind diese Worte an Paulus im Zweiten Korintherbrief für mich besonders wichtig geworden. „Warum ich, warum jetzt?“, so habe ich mich auch gefragt, nachdem mich der Herzinfarkt einholte. Längst ist mir klar geworden, welches Geschenk es ist überhaupt noch am Leben zu sein. Hoffentlich kann ich das weiterhin bewahren: die Welt anders anzuschauen. Den Augenblick für wichtiger zu nehmen. Jede Sekunde zu genießen, die ich mit meiner Familie habe. Oder jeden Moment, an dem ich in der Kirche stehen oder an anderen Orten als Pastor euch begleiten darf. Das Wichtigste, was Gott uns schenkt: ist seine Gnade und Liebe. Dass er zu uns hält und bei uns bleibt. Egal, was passiert. Dass nicht Gesundheit das einzige und höchste Gut im Leben ist. Sondern mit Krankheiten leben zu lernen. Krisen durchzustehen. Bei Schwierigkeiten nicht aufzustecken. Und vertrauen: nicht wir müssen alles alleine schaffen, irgendwie. Sondern Gott wird helfen. Das ist die Lektion des Paulus, die er im Zweiten Korintherbrief an uns alle weitergibt. Wo wir schwach sind, wird Gott in uns nur um so stärker sein und hält unseren Kopf über Wasser. – Habt ihr gerade eine schwere Zeit? Vertraut: Gott ist da. Paulus hat das damals auch so erlebt in seiner Nacht voller Fragen. Und wusste am anderen Morgen: Wo wir schwach sind – und das gehört zum Leben dazu! Ist Gott für uns und in uns nur umso stärker. Bleibt gut behütet! Ich freue mich auf unsere Begegnungen!

Euer Pastor Gerald Rohrmann