Es hätte das große Festwochenende werden können für die Feuerwehren und für die Bevölkerung. Biike an einem Sonntag – das passt doch eigentlich ganz gut. Und zudem bei recht frühlingshaften Temperaturen, bei denen man noch Glühwein, aber auch schon ein kühles Bier verzehren kann. Um ein wärmendes Feuer versammelt. Es sollte anders kommen. In diesem Jahr finden die Biike höchstens digital statt. Vielleicht aber wird ganz oft zu Hause in Erinnerungen geschwelgt: an vergangene Biiken. An Menschen, die sich dort verliebt haben. Kumpels von der Schule wieder trafen. An Aufbruchsstimmung nach dem langen Winter. Vorfreude auf den Frühling. –

Klar, war ich dabei! Ist doch logisch. Ist doch kein Problem in diesen Tagen sich ins eiskalte Wasser zu stürzen. War doch erst vorgestern ein großer Artikel im Nordfriesischen Tagblatt übers Eisbaden. Olaf Hinrichsen macht es. Wladimir Putin macht es auch. – Na ja, ganz so habe ich nicht reagiert. „Also ich mach das nicht“, habe ich gesagt. „Viel zu kalt! Das ist nichts für mich!“ – Aber Martha, unsere jüngste Tochter, ließ sich nicht beirren. Und was sie sich in den Kopf gesetzt hat, das macht sie, das haben wir als Eltern inzwischen verstanden. So ging es los. Vorgestern. Südwesthörn. Verhangener Himmel. Etwas graues Tauwetter. Aber Eisschollen schwammen noch im Wasser, das zur Flutzeit auch reichlich da war. Ein paar Lockerungs- und Atemübungen. Sie hatte sich gut informiert. Dann ging es los. T-Shirt und Badehose an, und zack ins Wasser.

Spielräume entdecken

Etwas zusammengezuckt bin ich schon. Als ich das Motto der diesjährigen Aktion „Sieben Wochen ohne“ las: „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden“. Das war irgendwann im frühen Winter, der nächste harte Lockdown stand bevor. Im Kopf hatte ich noch die Nachrichten von improvisierten Glühweinständen in der Adventszeit, von einer großen Hochzeitsfeier hinter der dänischen Grenze und von der Sehnsucht so vieler, sich endlich mal wieder mit mehr als nur Personen eines weiteren Haushaltes treffen zu können – „Es muss doch niemand merken!“ – An sich liebe ich dieses Wort „Spielraum“ und mag keine Vorschriften und Regelungen ohne die Möglichkeit sie anzupassen, Ausnahmen zu gestatten, im konkreten Fall zu sehen, was möglich ist.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt: die Passionszeit derart körperlich leidend zu beginnen. Na ja, es ist nur eine Kleinigkeit, ein vereiterter Daumen, aber ihr wisst ihr, wir Männer sind da gerne etwas wehleidiger., darum wollte der liebe Gott uns ja auch nicht mit dem Kinderkriegen betrauen ... Jetzt ist er erst einmal behandelt und verbunden, der eitrige Daumen, und wenn es dann nochmal pocht und zieht, versuche ich tapfer daran zu denken, wie viel unendlich mehr an Leiden unser Herr Jesus für uns auf sich genommen hat! Ja, wir sind im Kirchenjahr in der Passionszeit gelandet. 47 Tage sind es bis Ostern. Ja, 47 – keine 40 Tage oder sieben Wochen, wie es manchmal scheint, etwa bei der Aktion „7 Wochen ohne“. Wobei schon in alter Zeit diese Zeit vor Ostern als Fastenzeit begangen wurde, aber die Sonntage der Fastenzeit waren vom Fasten ausgenommen. Und so wurden dann aus 47 Tagen von Aschermittwoch bis Ostern effektiv 40 Fastentage, die an Jesu 40 Tage in der Wüste, bevor er öffentlich anfing zu predigen, erinnern oder auch die 40 Tage der Sintflut oder die 40 Jahre der Wüstenwanderung des Volkes Israel. 40 Tage sind eine Zeitspanne, die der Vorbereitung auf etwas Neues dienen soll.

Mittwoch vor dem Faschingswochenende – das war der Tag, an dem es bei uns damals daheim, als ich Kind war, mittags nur eine Suppe gab und zugleich der Geruch leckerer, frischgebackener Kreppel die ganze Wohnung erfüllte: Meine Mutter und meine Oma verarbeiteten an diesem Tag eine Kilo Mehl. Donnerstag und Freitag durften dann – einen Tag meine Schwester, einen Tag ich: Freundinnen und Freunde zum Kreppelkaffee einladen. Am Freitag lief immer „Mainz bleibt Mainz“ im Fernsehen, und dann am Wochenende war ich unterwegs: auf Karnevalsumzügen, Faschingsbälle bis zur Kehrausfeier der katholischen Kirchengemeinde bei uns in Wiesbaden am Fastnachtsdienstag. – Und so hat mich Karneval begleitet. Im Studium in Mainz durfte am Donnerstag (Altweiberfastnacht – darf man das noch so nennen) unseren Professoren, wenn sie unvorsichtigerweise eine Krawatte trugen, selbige abgeschnitten werden. Im Vikariat gab es im Nachbarort einen kleinen Umzug. Im Vogelsberg luden wir als Kirchengemeinde zum Kinderfasching ein. Und in Nordhessen wurde ich als Pfarrer gefragt, ob ich bei der örtlichen Faschingssitzung nicht mit Bürgermeister und einigen anderen Männern beim „grazilen“ Männerballett mitmachen wollte. – Hier in Nordfriesland gibt es anderes – die fünfte Jahreszeit ist hier, hab ich gelernt: die Grünkohlzeit. Ein Männerballett stellt bereits die Feuerwehr Emmelsbüll-Horsbüll, und die sind richtig gut!

Ein Sämann geht aus und wirft Samen. Einiges fällt auf den Weg und wird zertreten; einiges fällt auf Fels und verdorrt. Einiges fällt unter die Dornen und erstickt. Einiges fällt auf gutes Land und geht auf und trägt hundertfältig Frucht! (nach Lukas 8,4-8) – Das Gleichnis hat mich schon als Kind begleitet. Manchmal hörte ich es so, dass da verschiedene Menschengruppen genannt seien: Menschen hören Gottes Wort, und bei vielen passiert nicht viel – und bei einigen findet dieses Wort fruchtbaren Boden. Längst aber ist mir bewusst, dass ich selber so unterschiedliches Land darstelle für Gottes Wort. Manchmal bin ich der, der nicht richtig hin hört – und Gottes Wort wird gleich zertreten.